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2. Bundesliga

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Eiserne Herkulesaufgabe bei noch unbezwungenen Köpenickern

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Aktuell befindet sich der SV Darmstadt 98 wieder in einer ergebnistechnischen Abwärtsspirale. Ungeachtet von zwei hintereinander absolvierten punkt- und torlosen Partien und des auferlegten Underdogstatus versuchen die Lilien am Samstag, beim saisonal in der Liga ungeschlagenen und deshalb favorisierten Gastgeber Union Berlin wieder etwas zu reißen (Anstoß 13Uhr an der alten Försterei).

0:1 in Bochum und 0:3 gegen den 1. FC Köln: Kurioserweise war die knappere Niederlage bei den Westfalen weitaus enttäuschender als der vom Geißbock aufgebrummte Dreierpack am Bölle. Tief im Westen des Reviers konnte der Sportverein eigentlich zu keiner Zeit richtig überzeugen. Wohl aber gegen den heißen Aufstiegsaspiranten vom Rhein – zumindest bis zur 55. Minute. Dann machten ein schneller Konter und zwei defensive Schlafmützigkeiten dem blau-weißen Team innerhalb einer Viertelstunde einen gewaltigen Strich durch die Rechnung.

Trotz der unterschiedlichen Leistungsperformance: Niederlage bleibt Niederlage, auch wenn die erste Hälfte gegen den „Effzeh“ in die Reihe der stärksten Saisonleistungen eingegliedert wird. Dass man sich davon nichts kaufen kann und irgendwann lediglich der nackte Score in der Erinnerung haftet, sollte allerdings auch jedem Protagonisten, der es mit dem SV98 hält, klar sein. „Glück im Unglück“ war, dass auch die unter den Lilien positionierten Klubs bis auf die Duisburger Zebras leer ausgingen und so der (noch) relativ beruhigende Vorsprung zur Abstiegszone fortan Bestand hat.

Damit keine weitere Einbuße des Guthabens nach unten den vorweihnachtlichen Alltag belastet, will der Sportverein aus der deutschen Hauptstadt etwas Zählbares nach Südhessen entführen – obwohl jedem der Schwierigkeitsgrad der bevorstehenden Aufgabe bekannt ist. Der im Sommer verpflichtete Union-Trainer Urs Fischer hat es tatsächlich geschafft, in seinen ersten vierzehn Einsätzen an der Zweitligaaußenlinie ungeschlagen zu bleiben. Letzten Montag wackelte die imposante Serie, aber dank einem Last-Minute Treffer zum 2:2 im Spitzenspiel beim HSV erweiterte die Ostberliner Institution ihre Spitznamenadjektive. Neben „Eisern“ gehört aktuell „Unbezwingbar“ zum Sprachschatz (zumindest bis kommenden Samstag).

Dass die „Hauptmänner“ aus Köpenick trotz des Erfolgslaufes hinter dem Toppfavoritenduo HSV/Köln „nur“ auf Rang Drei und nicht auf dem Platz an der Sonne residieren, ist der Unentschiedenflut (neun an der Zahl) geschuldet. Aber auch auf diese Weise kann man in die Bundesliga aufsteigen. Diesem Ziel jagte Union, dass sich in der Spreemetropole schon lange als kickende Nummer Zwei nach der ollen Hertha etabliert hat, in den vergangenen Jahren vergeblich hinterher. Seit 2012 schwimmt man nonstop in den einstelligen Tabellengewässern, doch für eine Debütbeförderung in die Beletage fehlte meist die letzte Konsequenz und manchmal auch die nötige Portion Glück.   

Union ist sowohl in den heimatlichen Gefilden als auch im gesamten Osten der Republik eine Kultmarke. Eigentlich erst 1966 gegründet verstand man sich von jeher als Nachfolgeklub der ebenso legendären Union aus Oberschöneweide. Schon anno dazumal galt das Publikum als ungewöhnlich treu, weshalb der schon seit den 1920er-Jahren existierende Begriff „Eisern Union“ (wegen der Stahlindustrie) eine neue Dimension erhielt (eiserne Verbindung zwischen Verein und Fans). Die alte und angeblich versunkene Tradition lebte wieder auf, erst recht, als man in der DDR im krassen Gegensatz zum Stasi-Klub und Abonnementsmeister BFC Dynamo als heimlicher Liebling der Regimegegner auftrat. 

Nach der Wende bemühten sich die Offiziellen vergeblich um einen Zweitligaaufstieg und riefen durch ihr Finanzchaos mehrfach eine Konkursgefahr hervor. 2001 gelang dann endlich der Durchbruch: Meister der Regionalliga Nord und Beförderung in den Bundesligaunterbau. Als sensationelle Zugabe stürmten die Wuhlheider (weiterer Spitzname nach einem Waldgebiet im Köpenicker Ortsteil Oberschöneweide) noch als offizieller Drittligist ins Finale des DFB-Pokals gegen Vizemeister Schalke 04, der eine Woche nach dem einem Pfälzer Dentistenschiri in Hamburg verursachten Vierminutentrauma zur Titeltrostspende ins Olympiastadion jettete. Der Underdog roch nach zwei Aluminiumknallern am Überraschungscoup, ehe Jörg Böhme mit seinem Standarddoppelschlag zum 2:0 das Kreiselleid doch noch erheblich lindern konnte.

2004 rutschte Union wieder in die Regionalliga ab und wurde zum Entsetzen der Fans 2005 in die Oberliga durchgereicht. Doch die Eisernen bestätigten ihren Ruf als Stehaufmännchen, kehrten postwendend zurück und feierten 2009 mit Trainer Uwe Neuhaus als Champion der neuen Dritten Liga das Comeback in die Zweitklassigkeit, obwohl man wegen Umbaumaßnahmen an der Alten Försterei (Teile der Aufbauarbeiten übernahmen die Fans) zeitweise im ungeliebten Jahn-Sportpark, der Heimstätte des Erzrivalen BFC Dynamo, auflaufen musste. Jahr für Jahr stabilisierte man sich und glänzt inzwischen als dienstältester Zweitligist.

Union hat also in der laufenden Runde noch keine Liganiederlage einstecken müssen und peilt gegen den Sportverein selbstredend eine Fortschreibung dieses Kontextes an. Doch auch die Lilien wollen eine Serie verteidigen (wenn auch in kleinerem Ausmaße), denn wirft man einen Blick auf die noch sehr überschaubaren Duelle der beiden Rivalen (erst vier an der Zahl), sollte einem um das blau-weiße Team eigentlich nicht Angst und Bange sein.

Der SV98 ist gegen die Eisernen noch ungeschlagen. An der alten Försterei endeten beide Spiele (Runde 14/15 und in der Vorsaison) mit einem Remis (1:1 & 3:3), wobei die Südhessen jeweils erst in der Schlussphase bzw. Nachspielzeit den Ausgleich hinnehmen mussten. Am Bölle gab es für Union bislang noch rein gar nichts zu erben. Dem 5:0-Scheibenschießen vor drei Jahren folgte am drittletzten Spieltag der zurückliegenden Runde ein souveränes 3:1, das den Grundstein zum Sieghattrick auf der Zielgerade und damit zum Klassenerhalt legte.

Leider bieten positive Statistiken keine Garantie auf eine Erfolgswiederholung und versinken oft rasch in Schall und Rauch, aber eine Fortbestandmöglichkeit existiert immer. Schließlich glückte ja auch dem 1. FC Köln vor Wochenfrist der nächste Streich gegen die Lilien und vielleicht kann der SV98 jetzt seinen Ruf als „eiserner Angstgegner“ zementieren. Die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt…

Alle Partien vom 15. Zweitligaspieltag:

Fr 30.11. 18.30

Erzgebirge Aue – Jahn Regenburg, SC Paderborn – Arminia Bielefeld

Sa 01.12. 13.00

Union Berlin – SV Darmstadt 98, 1. FC Köln – Spvgg Greuther Fürth, FC Ingolstadt – Hamburger SV, FC St. Pauli – Dynamo Dresden

So 02.12. 13.30

MSV Duisburg – Holstein Kiel, SV Sandhausen – 1. FC Heidenheim, 1. FC Magdeburg – VfL Bochum

Letzte Änderung amDonnerstag, 29 November 2018 13:53
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