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2. Bundesliga

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SV98 läutet im Volksparkstadion seine 21. Zweitligasaison ein

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Nach dem ewig langen Exil zwischen 1993 und 2014 gehört der SV Darmstadt 98 längst wieder zum Profiestablishment. Die jetzt beginnende Runde 19/20 ist die dritte in Folge und insgesamt Saison Nummer 21 im Zweitligaformat. Als einstiges Bundesliganonstopmitglied hinkt der Auftaktherausforderer Hamburger SV einer solchen Bilanz logischerweise meilenwert hinterher. Am Sonntagnachmittag bestreiten die Lilien beim „Lieblingsgastgeber“ der vergangenen Jahre ihr Eröffnungsmatch (Anstoß 13Uhr30).

In der ewigen Zweitligatabelle ist der SV98 auf Platz Neun fest verankert, während der HSV „nur“ die 106. Stelle belegt. Diese Diskrepanz wird natürlich damit begründet, dass die Uwe Seeler – Erben nach langem Widerstand (u.a. zwei schmeichelhaft überstandene Relegationen) erst 2018 ihre Oberhausdauerkarte in die Alster warfen und im zweiten Fußballstockwerk eine unfreiwillige Premiere „feierten“. Ergo verschwand der Begriff Bundesliga-Dino aus dem Spitznamenregister und der frühere deutsche Vorzeigeklub (sechs deutsche Meisterschaften, zwei Europacuptriumphe, drei DFB-Pokal-Siege) musste zum Entsetzen seiner riesigen Anhängerschar dort Fuß fassen, wo die Lilien den Großteil ihrer kickenden Ära ab 1974 verbrachten. 

Die Abstiegsschmach sollte mit dem direkten Wiederaufstieg postwendend getilgt werden. Doch dieser Plan ging so was von in die Hose, obwohl der HSV in seiner Debütsaison auf dem ungewohnten Terrain Herbstmeister wurde und wie erwartet die Kassierer sowohl zu Hause als auch auswärts schon vor dem Anstoß meist ausverkauft meldeten. Letztendlich war unter der Regie des jungen Trainers Hannes Wolf der Druck in der zweiten Halbserie zu groß. Nur noch erschreckend schwache neunzehn Punkte bis zum Kehraus proklamierten, dass im Ranking Köln, Paderborn und Union Berlin vorbei flogen und den Zweitliga-Novizen auf die undankbare vierte Stufe verwiesen. Die frustrierten Fans schluckten eine weitere bittere Worst Case – Szenariopille in Dokumentationsform des zweiten Jahres fern ihrer Usus-Fleischtöpfe.

„Initiator“ des Rückrundenabsturzes war ausgerechnet der Sportverein von 1898. Am 16. März 2019 liefen die Lilien (mal wieder) als krasser Außenseiter im Volksparkstadion auf, lagen schnell 0:2 zurück und hatten sogar den Papst in der Tasche, weil bis zum Pausengong kein weiterer Flurschaden entstand. Beim Vertilgen des Halbzeitwürstchens setzten die wenigsten Zuschauer noch einen Pfifferling auf den südhessischen Gast, der allerdings wie verwandelt aus der Kabine kam. In seiner erst dritten Partie als 98-Coach justierte Dimitrios Grammozis personell perfekt um und das Blatt drehte sich. Mehlem (52.), Kempe (82. per Freistoß) und noch einmal der überragende Mehlem mit der finalen Nachspielzeitaktion fabrizierten ein optimales Wendemanöver zum 3:2-Auswärtscoup.

Das Ergebnis bedeutete hinsichtlich des restlichen Saisonverlaufs für beide Fraktionen eine Initialzündung. Für die Lilien im positiven Sinne (trotz kleinen Rückschlägen funktionierte fortan das Grammozis-System und sorgte für einen reibungslosen respektive beizeiten protokollierten Klassenerhalt), während der HSV die negativen Auswirkungen des Resultatsdämpfers brutal zu spüren bekam. In der Folge klappte praktisch nichts mehr, was in der bereits erwähnten Degradierung auf die Goldene Ananas – Sprosse mündete.

Zudem ging der Märzpaukenschlag als sensationeller Volksparksieghattrick in die Darmstädter Annalen ein, denn auch in den beiden gemeinsamen Bundesligarunden 2015-2017 hatte der SV98 auf der Rothosenheimstätte die Nase vorn (jeweils 2:1). Zwar spricht die interne Statistik im Gesamtfazit klar für den HSV (noch kein Heimdreier für die Lilien und außer dem Dreierpack noch nie gewonnen), doch diese Serie von drei siegreichen Spielen hintereinander in Hamburg nimmt eine besondere Relevanz ein und am Sonntag besteht ja gar die Möglichkeit des adäquaten Ausbaus. Einen neuerliche Punktekomplettentführung würde der einstige blau-weiße Knipser-Hero Dominik Stroh-Engel wohl als „Quattrick“ titulieren (anlehnend an das Interview nach seinen vier Buden beim 6:0 gegen die Hansa-Kogge anno 2013).       

Ungeachtet des Score-Reigens während den vergangenen drei Konfrontationen in Hamburg gebührt die Favoritenrolle naturgemäß zunächst einmal wieder den Hausherren. Die Rautenträger wollen die Nichtaufstiegdemütigung unbedingt vergessen machen und haben für ihr großes Ziel einen namhaften Übungsleiter an Bord geholt. Dieter Hecking war in den letzten dreizehn Jahren durchweg in der Bundesliga unterwegs und lieferte bei mehreren Vereinen ausgezeichnete Arbeit ab (u.a. Pokalsieger 2015 mit Wolfsburg). Nach dem Ende seiner Gladbacher Amtszeit versucht er nun, das norddeutsche Flaggschiff zurück in die Bundesligagewässer zu manövrieren. Seine Kenntnisse über die Zweite Liga dürften jedoch überholt sein. Heckings letztes Engagement im Beletage-Unterbau ging 2006 auf dem legendären alten Aachener Tivoli über die Bühne, wo er die Alemannia überraschend noch einmal ins Rampenlicht rücken ließ.

Auch der HSV-Spielerkader präsentiert sich auf etlichen Positionen verändert. Aus dem Darmstädter Blickwinkel sind hier in erster Linie Christoph Moritz und Daniel Heuer Fernandes zu nennen, der nach drei erfolgreichen Jahren am Bölle (davon die letzten zwei als absolute Nummer Eins bzw. als einer der besten Zweitligakeeper) vom Woog an die Elbe umgezogen ist. Beim besagten 3:2 im März demonstrierte er ein exzellentes Paradenrepertoire, welches wahrscheinlich als Bewerbungsschreiben diente. Es gilt als sicher, dass Heuer Fernandes auch in Hamburg als Stammtorsteher fungieren und seine HSV-Ligafeuertaufe ausgerechnet gegen die Lilien geben wird. Derweil kehrte Moritz nach einer halbjährigen Leihe zum SV98 (elf Spiele, ein Treffer) zu seinem offiziellen Brötchengeber zurück und könnte am Sonntag zumindest als Joker eine personelle Alternative sein.

Der 98er-Sportverein war ebenfalls alles andere als untätig auf dem Transfermarkt. Anders wie zu Schusters Zeiten machte Coach Grammozis im engen Einklang mit dem sportlichen Leiter Carsten Wehlmann für Darmstädter Verhältnisse ungewöhnlich früh Nägel mit Köpfen und lockte viele neue Gesichter an die Nieder-Ramstädter Straße. Marcel Schuhen (SV Sandhausen) soll Heuer Fernandes zwischen den Pfosten ersetzen. Ein weiterer heißer Aspirant für die Startformation ist Fabian Schnellhardt (MSV Duisburg). Beim gleichfalls gute Chancen für die erste Elf eingeräumten Mathias Honsak (zuletzt Holstein Kiel) wackelt der Einsatz aufgrund einer bei der abschließenden Generalprobe gegen Vitesse Arnheim (0:1) erlittenen Sprunggelenküberdehnung. Zudem klagen die vielversprechenden Neulinge Braydon Manu (Hallescher FC) und Erich Berko (Dynamo Dresden) über Blessuren. Definitiv ausfallen wird einer, der das „körperliche Pech“ scheinbar gepachtet hat: Der Never Ending – Leidensweg von Felix Platte geht wegen einem Muskelfaserriss weiter.

An alter aktiver Wirkungsstätte (zwischen 1998 und 2000 32 Bundesligapartien für den HSV) stehen Grammozis, der in seiner noch jungen Trainerkarriere erstmals eine Zweitligavorbereitung absolviert hat und seine Anfangserfolge beim SV98 bestätigen möchte, Marvin Mehlem und Tobi Kempe zur Verfügung. Also die beiden Torschützen vom jetzt letztmals erwähnten 3:2-Triumph vor fünfeinhalb Monaten. Doch wer diesmal im Volkspark einlocht, ist letztendlich piepegal. Der SV98 will ungeachtet seines Außenseiterstatus beim neben dem Bundesligaabsteigertrio wieder als Toppaufstiegskandidat nominierten HSV nicht leer ausgehen, um die anvisierte sorgenfreie Saison (eine tabellarische Prognose ist aufgrund der anzunehmenden Ausgeglichenheit schwierig) vom Fleck weg in die richtige Bahn zu lenken.

Wenn am Ende - so wie in den vergangenen beiden Jahren - ein zehnter Rang herausspringt, hätte wohl keiner der blau-weißen Verantwortlichen etwas einzuwenden. Und gegen das Vordringen Richtung einstellige Sphären würde natürlich auch kein 98er ein Veto einlegen. Ein Remis oder sogar das (noch) nicht im Duden auftauchende Substantiv  „Volksparksiegquattrick“ wäre hierfür eine ausgezeichnete Basis… 

Alle Partien vom 1. Zweitligaspieltag:

Fr 26.07. 20.30

VfB Stuttgart – Hannover 96

Sa 27.07.

Dynamo Dresden – 1. FC Nürnberg 13.00, VfL Osnabrück – 1. FC Heidenheim 15.30, Holstein Kiel – SV

Sandhausen 15.30

So 28.07.

Hamburger SV – SV Darmstadt 98 13.30, Spvgg Greuther Fürth – Erzgebirge Aue 15.30, SV Wehen Wiesbaden – Karlsruher SC 15.30, Jahn Regensburg – VfL Bochum 15.30

Mo 29.07. 20.30

Arminia Bielefeld – FC St. Pauli

 

Letzte Änderung amFreitag, 26 Juli 2019 09:07
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