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2. Bundesliga

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SV98 beginnt die Geisterspielära beim alten Erzrivalen im Wildpark

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Nichts ist mehr, wie es war: Nach einer zehnwöchigen Zwangpause setzt die Zweite Liga am kommenden Wochenende ohne Zuschauer und unter höchsten Hygienevorschriften mit dem kurz vor dem radikalen Shutdown Mitte März abgesagten 26. Spieltag die Saison fort. Der SV Darmstadt 98 gastiert hierfür im gespenstisch leeren Wildparkstadion beim Karlsruher SC (Anstoß Samstag um 13Uhr).

Wer hätte wohl nach dem letzten Einsatz am 7. März gegen den VfL Bochum (0:0) gedacht, dass die nächste Ligaverpflichtung erst jetzt auf der Agenda steht und die Vorbereitung hierfür in einem „Quarantänehotel“ stattfindet? Aber das immer noch nicht zu bändigende Coronavirus hat seitdem alles im Griff und verändert den Alltag in einem zuvor nicht vorstellbarem Ausmaße.

In Zeiten von Kurzarbeit- oder sogar totaler Arbeitslosigkeit, in denen die Mehrzahl des Volkes den Gürtel erheblich enger schnallen muss, ist die Kunde vom Re-Start der beiden obersten Spielklassen zwiespältig aufgenommen worden. Die einen werfen dem Profifußball (mal wieder) eine Extrawurst vor, während die anderen froh sind, zumindest vor der Flimmerkiste von den aktuellen Reproduktionszahlen respektive Covid 19 – Talkshows abgelenkt zu werden.

Nach einem zwischen DFL und den Vereinen sorgfältig ausgearbeiteten Sicherheitskonzept signalisierte die Bundesregierung vor zwei Wochen grünes Licht für die Wiederaufnahme des Spielbetriebs, was einige Epidemiologen auf die sprichwörtliche Palme brachte. In der Tat ist es ein Tanz auf dem Drahtseil und die positiven Testergebnisse bei Dynamo Dresden (die Sachsen müssen ihre ersten beiden Partien – falls die Gesundheit es erlaubt - zu einem späteren Zeitpunkt nachholen) geben der pessimistischen Fraktion selbstredend Nahrung.

Auch ein kompletter Saisonabbruch ist fortan immer noch möglich, falls sich im geliebten Kampf um den Ball, in dem natürlich keine Kontaktbeschränkungen möglich sind, neue Infektionsketten ergeben. Da hilft nur Daumendrücken, dass dieses Worst Case – Szenario ausbleibt, denn alle Klubs sind aus wirtschaftlichen Gründen auf die noch verbleibenden neun Rundenbegegnungen angewiesen. Ansonsten droht eine Insolvenzwelle.

„Geisterspiele“ waren von Anfang an der aktuellen Krise die Grundvoraussetzung für ein Comebackjagd nach Toren und Punkten. Für jeden Fußballer stellt das unabänderlich eine extreme Situation dar und viele rechnen mit einer Flut an überraschenden Ergebnissen. In wie weit sich der fehlende Support und die Hinterkopfgedanken über das Virus-Dilemma auf die Tagesform auswirkt, kann man verständlicherweise kaum einschätzen.

Für den SV98 haben die ungewohnten Aspekte sportlich vielleicht nicht so einen großen Einfluss auf den restlichen Verlauf der Spielzeit. Diese These stützt sich auf den momentanen Tabellenplatz. Als Ranglistensechster sitzen die Lilien relativ bequem zwischen den Auf- und Abstiegsstühlen. Bei acht Zählern Rückstand zur oberen und einem Vorsprungsvolumen von elf Punkten zur unteren Relegationsstufe deutet einiges auf eine entspannte Saisonschlussphase, auch wenn solche Prognosen immer mit Vorsicht zu genießen sind.

Zur Erinnerung infolge der langen Auszeit: Die Mannschaft des sich auf seiner Abschiedstournee befindlichen Trainers Dimi Grammozis (Nachfolger wird ab der nächsten Runde bekanntlich Markus Anfang) ist seit zehn Spielen ungeschlagen und tourt als einziges unbezwungenes Rückrundenteam in den Wildpark, wo eine Lilienauswahl allerdings erst zwei Mal gewonnen hat. Wegen der eklatant negativen Gesamtbilanz untereinander gilt der KSC sogar als ausgewiesener „Angstgegner“. Auch in den bereits zwei jeweils am Bölle ausgetragenen Saisonduellen gab es wenig zu bejubeln (1:1 in der Liga und 0:1 im Pokal).     

In wehmütiger Erinnerung haftet dennoch vorrangig der letzte „Dreier“ gegen die Badenser. An einem lauen 2015er-Maimontagabend sorgte die wohl bemerkenswerteste Vorarbeit in der Karriere von Marcel Heller dafür, dass Tobi Kempe praktisch mühelos vollenden durfte und der wichtigste Grundstein zum zwei Wochen später folgenden Sensationsdurchmarsch ins Oberhaus gelegt war.

Die Ekstase-Vorfreude von damals ist unvergessen. Heuer müssen die sonst so reiselustigen 98er-Fans mit dem Fernsehgerät vorlieb nehmen. Immerhin können sie es mit den Augen verfolgen, was beim bislang einzigen Geisterspiel nicht möglich war (außer für ein paar Hartgesottene, die sich bei Anwohnern an der Grünwalder Straße „einmieteten“). Im September 2009 fand schon einmal ein Lilienspiel unter Ausschluss der Öffentlichkeit vor leeren Rängen statt. Auf der tristen Regionalbühne ging der u.a. mit Markus Brüdigam, Sven Sökler und Uwe (Süd)Hesse auflaufende Sportverein „dodemols“ bei der Zweitabteilung der Münchener Löwen 0:4 auf Giesings Höhen unter. Hoffentlich kein schlechtes Omen… 

Jetzt ist am Samstag auf dem Fahrplan notiert, sich im Wildpark auf die neuen lautlosen Gegebenheiten für eine ursprünglich emotionale Auseinandersetzung zweier Erzrivalen zu fokussieren. Der Hausherr rangiert auf dem ersten direkten Verbannungsplatz und schwebt ergo neben dem Paket von finanziellen- plus Coronasorgen in höchster Abstiegsgefahr. Auch der am Donnerstag mit sofortiger Wirkung nach zehnjähriger Amtsperiode ausgesprochene Rücktritt von Präsident Ingo Wellenreuther dürfte das KSC-Selbstvertrauen nicht gerade stärken.

 

Alle Partien vom 26. Zweitligaspieltag:

Sa 16.05. 13.00

Karlsruher SC – SV Darmstadt 98, Jahn Regensburg – Holstein Kiel, VfL Bochum – 1. FC Heidenheim, Erzgebirge Aue – SV Sandhausen

So 17.05. 13.30

Arminia Bielefeld – VfL Osnabrück, Spvgg Greuther Fürth – Hamburger SV, FC St. Pauli – 1. FC Nürnberg, SV Wehen – VfB Stuttgart

Verlegt: Hannover 96 – Dynamo Dresden

 

Letzte Änderung amDonnerstag, 14 Mai 2020 17:13
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